2 • La Linéa de la Concepción

Gibraltar

Nun, Gibraltar, was soll man sagen? 30.000 Einwohner und länger britisch als Amerika amerikanisch. Laut LonelyPlanet ein Stück Portsmouth, das abgetrennt und nach Süden versetzt wurde. Von der Lage her ideal für Eroberungen und Feldzüge und perfekt, um eine große Flotte zu stationieren. Auch zur Kontrolle der Meerenge und zur Erhebung von Zöllen auf internationalen Güterverkehr wird Gibraltar für das Vereinigte Königreich seit jeher von großem Vorteil gewesen zu sein. Gibraltar besitzt eine eigene Domain und ein eigenes Kennzeichen, GBZ, vermutlich sogar eine eigene Vorwahl? Dort gibt es Ministerien, viel British Armed Forces und einiges an Administration.
Dieses gut fünf Kilometer lange Stück Land heute zu besuchen ist in vielerlei Hinsicht eine paradoxe Erfahrung. Wie auch nach Ceuta überqueren wir zu Fuß und durch unseren deutschen Reisepass erheblich privilegiert die Grenze und kommen innerhalb kürzester Zeit in einer anderen Welt an.

Straßenschilder auf Englisch, alte Verteidigungsmauern und eine rote Telefonbox empfangen uns, als wir den Boden der Königin betreten. Rote Doppeldeckerbusse fahren durch Straßen wie die Winston Churchill Avenue bis zum Grand Casemates Square. Wäre man seit drei Wochen in Großbritannien unterwegs gewesen, man würde sich direkt Zuhause fühlen und wohl kaum Unterschiede spüren, doch als Reisender von Marokko über Andalusien nach Gibraltar zu gelangen ähnelt einem ziemlichen Kulturschock. Das südspanische Flair verfliegt, nur noch Englisch und Touristengeplapper umgibt mich und ein riesiger Bürger King tut sein Übriges. So laufen wir über die Europaroad an der Marine vorbei und treffen auf alte Geschützanlagen und die Wellington Front, wo durch die alten Verteidigungsmauern Kanonen hervor gucken.

Die kleinen Gässchen, die sich steil den Hügel hochziehen beherbergen viele indische Restaurants und Take Aways, alle als Pure Vegetarian ausgezeichnet. Die meisten Straßen sind jedoch menschenleer und winden sich verwinkelt und etwas kalt auf und ab bis wir das gesellige Zentrum erreichen. Von einer Sekunde auf die nächste ist die Straße gefüllt von Menschenmassen, umrandet von Boutiques, Restaurants und Läden auf beiden Seiten. Hier gibt es Fish and Chips, es wird mit Pound gezahlt und keine spanischen Tapas werden mehr angeboten.

Sehr unpassend zum britischen Flair und dem heute wie gewollt wolkenverhangenen Himmel sind allerdings die mediterranen Blumen und Pflanzen, die Gibraltars Straßen säumen. Hier gibt es Palmenalleen, Bananenstauden und Blumen wie ich sie aus Indien oder von La Réunion kenne. Am schönsten sind allerdings die Paradiesvogelblüten, die in ihrem leuchtenden Orange hervorstechen und kontrastreich das daran angrenzende Dunkelblau übertrumpfen.
Später hören wir, dass die wenigsten Menschen in Gibraltar überhaupt nur Briten sind. Sehr viele Inder, Juden und Spanier bevölkern wohl dieses kleine Stück Land am Rock, wodurch ein wahrlich interessanter Mix entsteht und nur künstlich „britische Kultur“ aufrechterhalten wird.

Auf dem Rückweg stehen wir vor einer roten Ampel, die allerdings nicht nur den Autoverkehr regelt, sondern vielmehr einem kleinen Privatjet die Landung ermöglicht und Fußgänger sowie Autos und eine Motoradkolonne britischer Polizisten warten lässt. Zu Fuß eine Landebahn zu überqueren ist schon verrückt genug, aber vor einer roten Ampel zu stehen und direkt vor der Nase ein Flugzeug landen zu sehen ist definitiv eine der merkwürdigsten Erfahrungen dieser Reise.

La Linéa

Zurück auf der spanischen Seite wandern wir durch La Linéa de La Conceptión zurück zum Hostel, holen unsere Rucksäcke und lassen uns ein letztes Mal vom Hostelbesitzer anmaulen, der kein Wort Englisch spricht und meine kleinen Spanischversuche sowieso nicht versteht. In der Siesta scheinen hier aber tatsächlich andere Regeln zu gelten.

An der Estación de Autobus von La Linéa merken wir, dass wir genau den Bus nach Algeciras verpasst haben, von wo aus wir mit dem Zug nach Ronda hätten fahren können. Unsere Zeitplanung ist leider also ein wenig verschoben, was uns dazu zwingt, neue Pläne zu schmieden. Alternative: eineinhalb Stunden später mit dem Bus nach Marbella. Ohne dies zu beabsichtigen klappern wir nun wohl doch noch sämtliche Touristenzentren und Partyorte der spanischen Costa der Sol ab, auch nicht verkehrt!

Die Wartezeit vertreiben wir uns in einer kleinen Fressmeile zwischen Busbahnhof und Grenze zu Gibraltar. La Linéa ist schon ein komischer Ort. Nur diese kleine Ansammlung mehrerer Autoverleihfirmen und Cafés/Bars/Restaurants ist bevölkert und belebt, alles andere darum liegende ist völlig ausgestorben, gar heruntergekommen oder nicht fertig gebaut. Es sind oft kleine Hubs, in denen sich viel konzentriert, aber es wird letztlich aufgemacht und nicht aus sich heraus natürlich, da der Kontrast zu dem Umliegenden so groß ist.

Marbella

Die dritte Stadt an diesem Tag empfängt uns freundlich und angenehm. Vom Busbahnhof, der ein wenig außerhalb der Stadt nördlich der Autobahn liegt kann man problemlos die Knappen zwei Kilometer ins Herzen des Städtchens laufen. An einem kleinen Supermarkt halten wir und wollen uns gerade mit ein wenig frischem Obst eindecken, als ich merke, dass der Besitzer des Ladens gar kein Spanier ist. Spanisch spricht er wohl, aber mit einem verräterischen Akzent, den ich in letzter Zeit häufiger vernommen habe. Der gute Herr ist Marokkaner und wohl zum Arbeiten oder mit seiner Familie nach Andalusien gekommen. Über ein paar wenige arabische Wörter freut er sich riesig und fragt, ob ich arabische Familie habe. Als ich verneine und ihm erzähle, dass ich in Deutschland an der Universität Arabisch lerne, ist er entzückt und freut sich offenkundig.

Die Früchte, die wir hier kaufen, kommen aus der Umgebung und sehen sehr reif und lecker aus, sodass wir zwei Mangos, Mandarinen, Äpfel und einen Granatapfel mitnehmen.
Die Gassen der Casco Viejo, der alten Stadt von Marbella sind süß und in strahlendem Weiß gehalten. Sie bilden wieder einen sehr klaren Kontrast zu der Farbe der Wüstenhäuser und sehen sehr rein und ruhig aus. Vor vielen Häusern stehen Reihen von großen Blumentöpfen, in denen schöne mediterrane Blumen wachsen. Marbella hat Stil und eignet sich perfekt, um durch die Gassen zu streunern und zu entspannen. Auch wenn das mit dem immer schwerer werdenden Backpack nicht immer so möglich ist, genieße ich die kleine Stadt dennoch sehr und fühle mich wohl.

Hier sind wir allerdings umgeben von Scharen an Touristen und ich muss mich wieder daran gewöhnen, nicht mehr als einzige Nichtmarokkanerin unterwegs zu sein. Angemessenere Kleidung, die nicht seit viel zu langem nicht mehr gewaschen wurde wäre jedoch definitiv von Vorteil und auch ein Kleid würde sich hier deutlich besser machen.

Eine Auswahl an Tapas finden wir in der Haupteinkaufsstraße, bevor wir uns auf die Suche nach einem Hostel machen, was jedoch dadurch fast unmöglich wird, dass unerwarteterweise in Spanien noch Hauptsaison ist. Erst nach langem Fragen und Suchen finden wir ein kleines Hostal, das noch genau ein Zimmer frei hat und direkt am Strand gelegen ist. Todmüde und erdrückt von den vielen Erlebnissen des Tages wäre es doch mal wieder keine Alternative gewesen, am Strand zu schlafen – und sei es noch so warm und eine besondere Erfahrung, die man ein Mal gemacht haben muss.

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