12 • Casablanca

Heute machen wir uns früh auf mit dem Zug von Sale Tabriquet nach Casablanca, Dar El Baïdi. Es ist nur eine gute Stunde entfernt und dank des Schienennetzes, das nördlich von Marrakesh das Land verbindet, ist das Reisen sehr angenehm. Für unsere Verhältnisse sind wir erstaunlich früh in Casa und laufen entspannt die drei Kilometer von Casa Port bis zur Grande Mosqueé Hassan 2.

Die Moschee ist nach Mekka das zweitgrößte Sakralmonument der Welt und besitzt ein 120 m hohes Minarett – das höchste der Welt. Der kleine 44 m Höhe Hassan Turm von Rabat ist im Gegensatz dazu ein Klacks. Ursprünglich war allerdings genau dort eine Moschee geplant, die sogar noch größer als die von Casa geworden wäre, wäre der König nicht gestorben, woraufhin das riesige Bauprojekt gestoppt wurde. Schon von weitem ist die Moschee sehr eindrucksvoll, das Minarett ragt wunderschön verziert hoch in den Himmel und die einzigartige Lage direkt an der Atlantikküste unterstütz den besonderen Charakter. Der Stein ist in hellem beige gehalten, es sind 25.000 Pfeiler und Säulen verarbeitet und 300 Brunnen zieren die Außenwände der Moschee. Innen können 20.000 Gläubigen, außen in Stoßzeiten wie an Ramadan zusätzlich dazu 80.000 Betenden Platz gewährt werden. So ist es sehr eindrucksvoll, über dieses gigantisch große und wichtige Bauwerk zu streifen und den blauen Himmel sein Übriges geben zu lassen.

Da Nichtmuslime die Moschee nicht betreten dürfen gibt es einen kleinen Teil, der Touristen vorbehalten ist. Hierfür benötigt man jedoch einen vollkommen überteuerten Besucherschein, sodass wir uns lieber in entspannter Stimmung an einen Brunnen setzen und die Sicht auf den Atlantik genießen.

Weiter im Zentrum der Stadt gibt es die Villa des Arts, eine private Ausstellungsfläche, in der derzeit ein israelischer Künstler kritische Gemälde präsentiert. Es sind spannende Geschichten von Unterdrückung und Unfreiheit, die sie erzählen und viel mehr liegt dahinter als der erste Blick offenbart. Die Villa ist komplett leer, nur zwei Wachposten weisen uns den Weg und geben uns einen Ausstellungsführer mit. Nicht lange verbleiben wir hier, dennoch ist es eine gute Erfahrung und die Anfahrt wert.

Zu Mittag essen wir in einem nahegelegenen Restaurant, wo Pizza und Pasta angeboten werden. Wenn auch immer ein Risiko auf Reisen entscheiden wir uns für die Pasta, die immerhin vegetarisch sind, und sind sehr positiv überrascht – auf jeden Fall einen Besuch wert, wenn man von marokkanischer Küche gerade mal genug hat.

Von der Moschee fahren wir an den nahegelegenen Strand, der in mir unbekanntem Küstennebel verschwimmt. Es sieht aus wie graue und schwarze Figuren vor sehr hellen Hintergrund, die in der gleißenden Sonne laufen. Die Atlantikwellen sind hoch und das Wasser sogar erstaunlich kalt. Ich liege in der Sonne, entspanne mich ein wenig von der Anstrengung und der Reise der letzten Tage und lese mich endlich ein wenig tiefer in die Hintergründe Marokkos ein. Landschaftlich wie kulturell ist es tatsächlich so vielfältig, von Wüsten, Küste, vielen Gebirgsketten, Seen und Flüssen durchzogen. Der Norden ist grüner und fruchtbarer als der Süden, der in die Sahara mündet und einige kleinere Wüsten beinhaltet, bevor es am östlichen Ende des Hohen Atlas in größere Wüsten übergeht. Hätten wir das mal vorher gelesen, hätten wir sicherlich ahnen können, dass uns in Zagora nicht die Kinderbuchwüste erwartet, auf die wir uns so gefreut hatten.

Lea und Felix gehen schwimmen, doch schon von weitem erkennt man die starke Strömung des Meeres, das mit starken Wellen auf die Küste drückt und starken Sog erzeugen, wenn sie sich vom Strand wegbewegen. Also endlich mal wieder ein Strandtag wie man ihn sich erhofft, jedenfalls einige schöne Stunden lang.

Auch in Casa gibt es eine Tramlinie, was das Reisen deutlich entspannt, sodass wir wohlbehalten in Casa Voyageurs, am Hauptbahnhof, ankommen. Dort jedoch genau zwei Minuten zu spät, sodass wir den Zug nach Rabat exakt verpassen. Vorgeschlagene Alternative ist es, zwei Stunden zu warten und den letzten Zug zu nehmen, doch auf Nachfrage können wir auch in Casa Port umsteigen und von dort dann weiterfahren. In Casa Port treffen wir einen spanisch aussehenden Araber, der in Katar als Firefighter arbeitet und gerade aus Düsseldorf und Barcelona zurückkommt. Auf den ersten Blick wirkt er sehr sympathisch und offen, ist hilfsbereit und witzig. So quatschen wir ein wenig mit ihm und er hilft uns ziemlich, sich im Zugchaos zurechtzufinden, das heute wirklich nicht ohne ist. Der Zug nach Rabat soll vor einem anderen abfahren, der angeblich falsche Zug ist jedoch bereits komplett voll mit Leuten, die ihn jedoch nicht mehr verlassen können, da die Türen sich nicht mehr öffnen. Als Alleinreisende hätte ich hier ziemlich schnell den Überblick verloren und mich sicherlich nicht allzu wohl gefühlt, doch so sind wir immerhin nicht alleine.

Der zuvor so nette Rabatiner setzt sich schließlich zu mir nachdem er erst einmal seine Einkäufe aus Deutschland bei mir abgeladen hatte. Er heißt Yassine, kommt ursprünglich aus Rabat, doch hält nicht mehr sehr viel von Marokko wie es scheint. Stattdessen zeigt er mir jedoch den Großteil des Fotoalbums seines Handys, das mehrere Jahre seines Lebens abdeckt, erzählt mir von seiner irischen Girlfriend, der Marrakesh leider nicht sehr gut gefallen hat und deckt sämtliche weitere Erzählungen seines Lebens ab. Ein Video, das er mir zeigt, kommentiert er mit „Torson“, muss sich jedoch mehrfach wiederholen, bevor ich die arabische Aussprache von Tarzan endlich erkenne. Posierend steht er auf einem Hand, nennt sich Tarzan und springt dann mit seiner Scheinliane in das kühle Nass. Was eine tolle Erfahrung, ich bin regelrecht gefesselt von seinen Erzählungen. Irgendwann beim dritten Selfie mit Waschbrettbauch schalte ich ab, sage nur noch „mh mh“, doch auch das scheint er in seinem Monolog nicht mehr zu hören. So wider Erwarten, ungewollt und ohne etwas dafür zu tun habe ich wohl selten deep down Einblicke in das Leben eines anderen Menschen erhalten.

Momentan scheinen wir es wohl mit den merkwürdigen Erfahrungen auch wirklich zu treffen. Als wir in Rabat Ville ankommen, wo wir uns extra mit Said getroffen haben, um mit ihm zu Abend zu essen, sind wir drei längst fertig von der Sonne, übermüdet und kaputt. Ein wenig überdreht gehe ich Said offensichtlich schnell auf die Nerven, aber auch erst nachdem sich ein Schalter umlegt und ihn daran erinnert, dass es wohl nicht der beste Tag seines Lebens ist. Irgendwelche Misskalkulationen haben zu Schwierigkeiten beim Anbringen der geplanten Marquisen geführt – nicht schlimm wie man meinen möchte, doch für ihn unfassbar aufregend und frustrierend, er bezeichnet Marokko als rund; hier würde nichts sauer und eckig laufen wie bei uns in Deutschland oder in Europa generell. Interessant ist die Form, die er benutzt und bei mir genau gegenteilige Konnotationen hervorruft, aber das ist wohl kulturell und national unterschiedlich.

Said regt sich jedoch so übertriebenen darüber auf, schwelt in seinen negativen Gedanken und lässt nichts an sich heran. Da helfen auch eine ihm zu verdankende lange Essenssuche, drei müde Gäste und unsere Beschwichtigungen nichts mehr. Schade, dass er sich in seinem Kopf solche Monster baut, sich in Verliese steckt und moralische Kämpfe ficht. So läuft das Abendessen wegen seiner Verfassung und allgemeinen Begebenheiten nicht wirklich angenehm und wir sind relativ froh, danach nach Hause zu fahren. Zwar dauert auch der Weg zur Taxistelle wieder einiges an Zeit, doch schließlich sind wir wieder hinter Sale Tabriquet in einer Seitenstraße der Hauptstraße, die nach Bouknadel führt und gehen am liebsten sofort schlafen.

Während des Essens in der leeren Pizzeria in der Nähe des Theaters von Rabat äußert Said plötzlich „I want to kill him.“ Und als wir etwas irritiert darauf reagieren und versuchen, es nicht allzu ernst zu nehmen, fügt er hinzu „No, honestly, I am serious.“ Auf der Straße kommen wir an einem Kiosk und einer lauten Disko vorbei, während er von sich gibt „If I was Hitler, I would kill him just the same like Jews, Gay and others.“ Und später als wir bei ihm auf dem Sofa sitzen, Konversation machen und Pampelmuse essen, sagt er „What do you think Malin? Could you kill a person?” – “No” – “Under no circumstances?” – “No” – “I am sure everybody is capable of killing someone under the right circumstances.”

Auch erzählt er uns getrennt voneinander zwei Geschichten, in denen ein Couchsurfing Host seinen Gast umgebracht hat (?) und eine weitere, in der dem Gast Chemie mit ins Shampoo gemischt wurde, sodass ihre Haare verklebten. Geschichten, die so komplett und ohne Vorwarnung in den Raum geschmissen wirklich merkwürdig sind und sich in Bezug auf die weiteren Begebenheiten schwer einschätzen lassen.
Said ist ein Pulverfass, das innerlich brodelt; was passiert, wenn ihn ein kleiner Funke erreicht, das will man sich lieber gar nicht vorstellen.

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