9 • Heimfahrt von Zagora nach Marrakesh

Quand au Maroc, faites comme les Maroccains.

Morgens gibt es ein frühes Frühstück bei Soufiane, das er für uns zubereitet hat, bevor wir um 7 los zum CTM Busschalter aufbrechen. Der CTM Bus jedoch ist schon ausgebucht wie uns unfreundlich mitgeteilt wird, sodass wir erst einmal ziemlich hilflos dastehen, uns dann jedoch mit dem Taxi zum zentralen Busbahnhof aufmachen. Vorher verabschieden wir uns noch schnell von Soufiane, der uns eigentlich sogar noch begleiten wollte und kriegen sogar den eine Stunde früheren Bus nach Marrakesch. Die Fahrt nach Ouarzazarte klappt interessanter Weise super und wir waren schon fast versucht, doch in Ouarzazarte zwischen zu stoppen, jedoch klang die Beschreibung der Film-Stadt doch nicht so weltbewegend und die Zeit rennt.

Aus Ouarzazarte geht es mit dem Anschlussbus direkt weiter nach Marrakesch. Gemeinsam mit vielen Studenten, die zum Beginn des Semesters in die Uni-Stadt zurück kehren, überqueren wir noch einmal das Atlas Gebirge und winden uns durch die Serpentinen-artigen Straßen. Der Kontrolleur stößt zu uns ins Ende des Busses und verteilt Orangen-Schalen, um frische Luft zu verbreiten. Ihm selbst steht schon deutlich der Schweiß auf die Stirn geschrieben und auch er kommt mit den nicht enden wollenden Kurven wohl derzeit nicht klar. Dass sich einige der Studenten sogar übergeben verbessert die Situation natürlich auch nicht wirklich.

Als wir nach dieser nächsten Reisetortour bei Soufianes Familie in Marrakesch ankommen, sagt er uns kaum Hallo und hat offenbar noch nicht mit uns gerechnet, obwohl wir es angekündigt hatten. Später entschuldigt er sich und scheint sich schon den Kopf zu zermartern wegen des Rückflugs nach Köln am kommenden Tag.

Obwohl wir seit dem Frühstück kein Essen bekommen haben, geben wir uns mit einem kleinen leckeren Gouté zufrieden und scherzen, dass wir ja später bei der Zubereitung der Tagine mithelfen können. Soufianes Schwester Seham hat die famose Idee, wir könnten doch landesübliche Kleidung anprobieren und nimmt mich mit zu ihrem Kleiderschrank. Dort findet sie eine Dschellabah und einen Foulard für mich. Dschellabah ist ein Ganzkörperkleid, das mir mit seinen langen Ärmeln das Aussehen eines Zauberers verleiht. Dazu passend bekomme ich einen Foulard, ein farblich passendes Kopftuch. Es ist sieht wirklich schräg aus und alle lachen – Felix und Lea vorneweg. Bis sie selbst in Dschellabah und dem männlichen Gegenstück stecken und mit der Umgebung verschmelzen. Unter der Dschellabah wird lediglich eine Schlafanzughose oder auch manchmal gar nichts getragen und ich könnte mich wohl locker an das légère Gewand gewöhnen. Witzig wird es jedoch erst recht, als ich andeute, ich würde es zum Tragen wohl ein wenig enger nähen müssen woraufhin erwidert wird, dass das keineswegs das Ziel dessen sei. Wohl wahr.

Irgendwie überkommt uns die Idee, im Dschellabah und Foulard an diesem Freitag Abend in die Stadt zu fahren, um die einzigartige Chance zu nutzen, in wirklich landesüblicher Kleidung auf die Straße zu treten. Meine helle Haut und blonden Augenbrauen verraten mich leider etwas und lassen mich wohl eher wie eine Konvertierte wirken. Doch Lea’s minimal dunklere Haut passt unfassbar gut zu den Marokkanerinnen und sie verschmilzt mit ihrer Umgebung wie ein Chamäleon.

Es ist ein unfassbar komisches Gefühl, in diesen marine blauen Dschellabah gehüllt zu sein und die gewohnte Busfahrt auf eine derartig neue Art zu erfahren. Einige Umstehende schauen uns an und fragen sich möglicherweise, warum ein junger Mann in Touristenkleidung mit zwei Marokkanerinnen spricht und lacht. Oder aber wundern sie sich, warum wir uns so merkwürdig verhalten und im Dschellabah nicht richtig platziert wirken. Vielleicht fassen sie es auch als Affront auf?

Viele Frauen, die im Gang an uns vorbeigehen möchten, fassen Lea und mich sanft an der Hüfte an, während sie sich ungewohnt nah an uns vorbeischieben. Das war uns in den Tagen davor nicht einmal passiert, unsere Mitfahren waren viel eher auf deutliche körperliche Distanz gegangen.

Wir fahren bis zur Koutoubiyya und laufen von dort gen Süden zum Palast des Königs, wo zu dieser heiligen Zeit an einem Freitag Abend leider alles geschlossen ist. Auch dort meint Felix, wir würden einfach mit der Umwelt verschwimmen und man würde uns kaum als Touristen enttarnen können. Vor einem großen Restaurant wird Felix etwas aufdringlich angequatscht und die besten Menüvorschläge genannt, Lea und ich gehen jedoch vorbei und werden keines Blickes gewürdigt. Nur wenige Menschen kommen uns entgegen, sehen mich an, schauen weg und gucken mich dann nochmals an mit einem etwas irritierten Ausdruck im Gesicht. Doch auch dies geschieht nur sehr selten.

Als wir an einer großen Moschee vorbeischlendern und ich einen neugierigen Blick hinein erhaschen will, lädt uns tatsächlich eine Frau zum Gebet ein und signalisiert, dass wir doch mit ihnen beten sollen. Im Koran verboten und von uns auch eher als Affront aufgefasst lassen wir dies lieber bleiben und ich danke freundlich.

Nach einer doch langen und aufregenden Tour durch den Süden Marrakeschs kommen wir um 10 erst bei den Ennaciris an, wo tatsächlich mit der Zubereitung der Tagine auf uns gewartet wurde. Unseren Hunger verschweigen wir, bekommen jedoch schon eine kleine Vorspeise für das längere Warten. Diese besteht aus gesüßten, gekochten und sehr leckeren Quitten und einem Grünkohl-artigen Gemüse. Dazu gibt es einen einzigartigen Gurkenzitronensmoothie – auch eine marokkanische Spezialität.

Die Zubereitung der Tagine dauert ewig und erst nach Mitternacht sind wir fertig, doch ich lerne einiges dabei und bin nach wie vor begeistert von den verschiedenen Schritten, die das Nationalgericht entstehen lassen. Bei diesem Rezept werden zunächst die Zwiebeln auf direktem Feuer in halb Palmöl, halb Olivenöl und mit ein wenig Salz angebrutzelt. Anschließend wird die Tagine auf ein kleines Gestell auf die Gasflamme gestellt und Karotten und Rettich bereichert. Nach einer halben Stunde fügen wir Kartoffeln, Zucchini und Paprika hinzu, bevor noch Tomaten dazukommen – alles feinsäuberlich angeordnet. Mit einer der leckersten Tagine der Reise geht auch dieser lange und erlebnisreiche Tag zu Ende und findet einen schönen, wenn auch müden Ausklang.

Mit Seham, Soufiane’s Schwester war der Abend sehr schön und auch ihren Mann Youssef und der Mutter von Seham und Soufiane verstehe ich mich mittlerweile sehr gut. Rassan streckt beim Abschied tatsächlich die Hände nach mir aus und will auf den Arm – zum Glück werde ich nächstes Jahr ja wohl noch einmal die Gelegenheit bekommen, auch diese Lieben zu besuchen.

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