INDIA: Osten – Orissa

15. – 16. März 2013

Ohne eine eigentlich erwartete Verspätung mehrerer Stunden kommen wir nachts in Orissa, einem Bundesstaat an der Ostküste Indiens, an. Ich hatte meinen Wecker vorsichtshalber auf die ursprüngliche Ankunftszeit gestellt, sodass ich mitten in der Nacht wach werde und zum Beinebewegen nach den vielen Stunden der Liegens und Sitzens auf den Bahnsteig trete, an dem wir gerade halten. Ich frage ein paar Mitreisende, wann wir denn in Cuttack ankommen würden, werde von ihnen jedoch nur verständnislos angeblickt. Ich schiebe es mittlerweise schon instinktiv auf die Sprachbarriere durch die andere Sprache, die hier gesprochen wird. In Orissa ist das Hindi nämlich überhaupt nicht verbreitet; stattdessen wird Oriya gesprochen.

Erst nach einer guten Weile erkenne ich auf einer Anzeigetafel die blinkenden Worte „Welcome to Cuttack“ – unsere Zielstation! Schnell renne ich zurück in den Zug in unser Abteil, das in der „Sleeper Class“ liegt und somit aus schmalen und ziemlich unbequemen Pritschen besteht, von denen jeweils acht in einem kleinen Abteil zusammen über- und nebeneinander stehen. Schnell und in der Eile leider wahrscheinlich auch viel zu unsanft wecke ich Cara, die noch schläft, mit den Worten „Wir sind da!“

Schnell packen wir unserem ganzen Kram zusammen und verlassen den Zug, der letztendlich noch ein paar Minuten dort verharrt, aber so etwas kann man ja nicht wissen. Da es kurz nach Mitternacht ist, können wir von den Leuten aus der Zweigstelle in Cuttack nicht abgeholt werden, sodass wir wohl oder übel dazu gezwungen sind, den Rest der Nacht am Bahnsteig zu verbringen.

Vollgepackt und ohne auffindbaren Waiting Room für die Sleeper Class müssen wir uns also direkt auf dem Bahnsteig auf einem Steinpoller die Zeit bis morgens um die Ohren schlagen. So spannen wir Caras Multitasking-Moskitonetz, wechseln uns mit dem Schlafen ab und ich bin wieder aufs Neue unendlich froh über die vielen Hörbucher, die sich bei uns mittlerweile angesammelt haben.

Morgens kommt nach einer weitaus weniger schlimmen Nacht als zuvor erwartet (mal auf dem Bahnsteig geschlafen zu haben gehört eben auch zu einer Indienreise dazu!) die Vertreterin der Zweigstelle und wir fahren in einer Rikscha zu der Zweigstelle Orissas, die außerhalb der Stadt liegt.

Das Ashram, das sich in einem kleinen Dorf neben einem Tümpel, wie man sie hier öfters zu finden scheint, befindet, wirkt einladend und fast schon nobel – für eine Gandhianische Gemeinschaft jedenfalls. Die Häuser besitzen Säulenüberspannte Verandas zur Einfahrt hin und auch unser Zimmer ist sehr groß mit Esstisch, Betten, vollgepackten Schränken, Badezimmer und unzähligen alten Portraits, die überwiegend Männer, aber selbstverständlich auch Mohandas Karamchand Gandhis Frau Kasturba zeigen, nach der der Kasturba Gandhi National Memorial Trust ja benannt ist.

Anstelle der unserer Meinung nach eigentlich wohl verdienten Ruhepause geht das Programm allerdings sofort nach Chai und Frühstück weiter und mit 18 Leuten in einem engen Transporter für höchstens 12 Personen geht es nach Bhubaneshwar, das meinem Gefühl nach doch um einiges weiter als die 1 1/2 Stunden, die es angeblich sein sollen, entfernt liegt.

Wir besuchen die Kunstausstellung des Mannes der Chefin dieser Zweigstelle, welcher neben seinem Beruf als Kardiologe auch Hobby-Künstler ist. Teilweise sind die Bilder schön, im Großen und Ganzen kann ich mich aber nicht wirklich darin wiederfinden. Außerdem werden wir von allen Seiten als die „Special Guests from Germany“ fotografiert, gefilmt und stehlen so fast noch dem Governor, der der eigentliche VIP ist, die Show. Der Ort scheint eine Kunstakademie zu sein und zwei in Stein gemeißelte Bilder Gandhis, die ein junger Künstler mir zeigt, beeindrucken mich weitaus mehr als die Zeichnungen und Malereien der Ausstellung.

Abends kann ich auch die Kinder hier mit meinen kleinen Gruppenspielen erfreuen, was mittlerweile schon Standard geworden ist und echt mit allen möglichen Altersstufen den gleichen Effekt besitzt: Lachen, Gemeinsamkeit und Zusammenschweißen der Gruppe – und das völlig losgetrennt davon, wie groß, klein oder wie viele Kinder es sind.

Nach diesem vollen Tag falle ich todmüde ins Bett und sehne mich – wie so oft – nach meinem weichen Bett zuhause, weil geschaffter Rücken + mega dünne Matratze dann doch nicht das beste Erholungsrezept darstellen… Allerdings konnte ich schließlich auch auf Marmorstein am Bahnhof schlafen somit darf ich mich wohl nicht beschweren, weil es viel schlimmer werden könnte. Außerdem geht es schließlich ja immer schneller auf das (mittlerweile doch schon sehr ersehnte) Ende zu und die nächsten 4 Monate werde ich nun ja wohl auch noch überstehen 😉

Jetzt ist endlich der Strom wieder zurückgekehrt, woraufhin der unschätzbare Ventilator über mir wieder volle Arbeit leistet und ein wenig die drückende Hitze zu vertreiben vermag. Hier ist es nämlich echt heiß, obwohl der Hochsommer immer noch nicht in Sicht ist und es im Süden wohl erwartungsgemäß noch mal um einiges wärmer werden wird.

Gerade kommen andauernd Mädchen unterschiedlichen Alters herein, fragen, wie es uns geht oder stehen einfach nur grinsend im Türrahmen und schauen uns an. Zwar ohne Zweifel sehr lieb und süß von ihnen, aber auf Dauer letztlich doch auch minimal anstrengend, immer so im Fokus zu stehen.

An diesem zweiten Tag im Ashram, der leider auch gleichzeitig der letzte ist, wird uns das Office gezeigt, das ein wenig entfernt am anderen Ende des Dorfes Sathyabhamapur liegt. Dort arbeitet die Pratinidhi (Vertreterin in der Zweigstelle) im Office mit ihren Mitarbeitern, die die Arbeit dieser Branch und ihrer vielen Centres regeln, die im ganzen Bundesstaat Orissa verstreut liegen. Auf diesem Gelände gibt es eine Vorschule, eine Kindertagesstätte (Crèche Centre) und eine Schule mit insgesamt 150 Schülerinnen. Im Crèche Centre führen uns die Kinder unter Anweisung der Leiterinnen kleine Tänze vor, die sie selbst mit Gesang begleiten. Unangenehm ist uns aber, dass die Kleinen dabei einfach so herumkommandiert werden und es mehr eine künstlich gestellte Pflicht anstatt freiwilliger Spaß ist.

Diese Schule bildet in der „Children Welfare Class“ auch Kindergärtnerinnen aus. Es sind etwa 20 Frauen in einheitlichen und wunderbar farbenfrohen, rot-gelben Saris, die uns schüchtern, aber auch sehr neugierig beäugen. Auch sie kann ich mich mit meinen Spielen beglücken, in dem ich ihnen ein Namenlernspiel mit Klatschen und dann noch eines der Lieblingsspiele vieler Kinder zeige. Beide klappen super und beim zweiten Spiel funktioniert sogar der Kreis, bei dem sich jede auf die Oberschenkel der Vorderfrau setzt. Dieses Hinsetzen ist mit Kleineren selten erfolgreich, aber nun war die Begeisterung groß, als wir uns alle gleichzeitig setzten und der enge Kreis stabil blieb. Ich mag es sehr, anderen auf diese Art und Weise ein Geschenk zu machen, das sie selbst möglicherweise weitergeben werden.

Hier in der Branch werden auch kleine Handwerksgegenstände hergestellt wie zum Beispiel Patch Work Tücher, Spielessen aus Lehm, aus Eisstielen geformte Stiftehalter und 3-dimensionale Weihnachtssterne und Rasseln aus Palmenblättern.

Nach dem Abendessen im Dunkeln findet an diesem letzten Abend noch das Beste am ganzen Orissa-Aufenthalt für mich statt. Obwohl die vielen Kinder zwischen Essen und Schlafenszeit nicht viel Freiraum haben, nutzen wir diese kleine Spanne gänzlich – mit Spielen. Ganz so wie ich es am liebsten mag, bin ich mit der Kinderschar alleine, sodass kein Aufpasser großartig dazwischenredet oder sich einmischt. Was nun geschieht, genieße ich immer und immer wieder. Ich erkläre ein neues Spiel, aber anfänglich versteht mich keiner und ich blicke in eine Runde voll verständnisloser Gesichter. Ich untermale meine Erklärungen mit Gesten, aber hier versteht nun mal der Großteil kein Hindi und über meine Pantomime wird wenn überhaupt gelacht, was zum Verständnis dann doch nicht so sehr viel beiträgt. Eine der sehr netten Frauen kommt mir aber zur Hilfe und erklärt das, was sie von mir versteht, den Kindern in ihrer Sprache.

Zögerlich beginnen daraufhin einige im Kreis damit, das Spiel zu starten. Um wieder in den Kreis zurückzukehren versucht das Mädchen in der Mitte, eines aus dem Kreis mit einer Zeitung abzuschlagen, bevor diese den Namen eines anderen Kindes ruft, welche somit nun diejenige ist, die abgeschlagen werden soll. Einige haben es noch nicht ganz geblickt, aber sofort weisen sich die Mädchen untereinander auf ihre Fehler hin und es kann weitergehen.

Dann geht plötzlich alles ganz schnell und in kürzester Zeit kommt das Spiel ins Rollen und nimmt Fahrt auf. Die Kinder lachen, die Mittlere schlägt schnell mit der gefalteten Zeitung nach Aarti, Sonu, Pinkie, Bhanu – es funktioniert!

Nach einer Weile kreischender Mädchen, lachender Gesichter und lauter Rufe kommen sie – zu meinem Pech – allerdings auf die wundervolle Idee, mich doch netterweise mit in das Spiel einzubinden. Dies hat zur Folge, dass mein Name, der plötzlich von allen ausnahmslos und auf einen Schlag beherrscht wird, zum Dauerrenner wird und andauernd hintereinander genannt wird. Aber für die vielen Mädchen, die über meine vielzähligen Einsätze sogar noch enthusiastischer sind, mache ich mich sehr gerne zum Affen – immerhin ist es zu einem guten Zweck 😉

Und auch ihrerseits bringen sie mir ein Gruppenspiel bei, das für mich neu ist, sodass auch ich etwas Neues davon mitnehmen kann, das mich an Orissa erinnern wird. So hat mir der letzte Abend noch einmal unfassbar gut gefallen und mich am frühen Morgen von den lieb gewonnenen Kindern in aller Eile verabschieden zu müssen, fällt mir alles andere als leicht, obwohl ich sie erst seit 2 Tagen kenne.

Morgens um 4:30 nehmen wir aber noch an ihrem Prayer teil, bei dem auch Kasturbagrams „Hymne“ auf Hindi gesungen wird, das mit „Zur Erinnerung an Kasturba Gandhi wurde diese großartige Stiftung gegründet“ beginnt und von der Geschichte und den Aufgaben des Trust erzählt.

Unser Zug war für 6:30 angekündigt weswegen wir so früh aufstanden, aber ich habe es auch sehr genossen, mit den gerade erst ein wenig kennen gelernten Mädchen gemeinsam im kleinen Prayerraum zu sitzen und wenigstens ein bisschen mitsingen zu können.

Am Bahnhof ereilt uns allerdings eine böse Überraschung: die Anzeigetafel zeigt für unseren Zug ganze 4 Stunden Verspätung, aus denen letztendlich 6 Stunden werden, bis es endlich weiter gen Süden nach Kerala geht.

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