INDIA: Da, wo der Tee wächst

24. Februar – 10. März 2013

Nach einer nicht enden wollenden Zugfahrt mit 6 Stunden Verspätung kamen wir schließlich mitten in der Nacht in Guwahati, der Hauptstadt des Bundesstaates Assam an, der im Nord-Ost-Zipfel Indiens liegt. Zum Glück wurden wir direkt von Jana und Hendrik, den KURVE-Freiwilligen in Guwahati, empfangen und fuhren mit der Rikscha zum CEE-Gebaeude. CEE steht für “Centre for Environment Education” und ist die Aufnahmeorganisation der beiden genauso wie das Kasturbagram Caras und meine Organisation ist. Jana wohnt in einem Zimmer direkt neben ihrem Office, wo wir in den kommenden Tagen mehrmals übernachten durften.

Guwahati ist ganz anders als Indore und ich spüre die vielen Stunden Zugfahrt, die dazwischen liegen, total. Es ist viel grüner hier und viele Strassen sind von Palmen, Bananenstauden und Bäumen gesäumt, sodass mich einige kleine Gässchen schon an La Reunion, eine Insel bei Madagaskar, erinnert haben, wo ich 2010 für drei Monate war. Auch auffallend sauberer ist es hier – in Indore ist vor allem im Herzen der Stadt und an den großen Hauptstrassen immer unfassbar viel Abfall zu finden; einfach unbewusst und wie nebenbei in die Gegend geworfen. Außerdem ist es hier schon total warm und der Winter scheint sich merklich dem Ende zuzuneigen. Jetzt schon war ich oft geschafft, wenn wir länger draußen unterwegs waren, ich brauche meinen dicken Schlafsack nicht mehr und die Luft drückt, wobei ich mir nicht vorstellen möchte, wie es sein wird, wenn der Hochsommer eintrifft. Hoffentlich werden wir zu der Zeit das Meer nie allzu weit entfernt haben. 🙂

Das Ashram

Die Zweigstelle, in der wir hier für zwei Wochen unterkommen durften, hat mich ziemlich begeistert und erstaunt. Nachdem wir von der Vorsitzenden dieser Branch vom Kasturbagram erst einmal zu einer komplett anderen Organisation geleitet wurden (in der sie auch Vorsitzende ist), wo wir gar nicht hinwollten, war ich total überrascht, das Ashram letztlich zu sehen. Wir fahren mitten durch die Stadt und ich denke mir schon, dass das ja wohl ein ziemlich unpassender Platz ist, um ein Gandhianisches Ashram (= Gemeinschaft) zu errichten, als wir durch das Eingangstor hindurch- und einen kleinen, aber sehr steilen Hang hinauffahren. Oben angekommen betrete ich jedoch eine ganz neue Welt, so scheint es mir. Unerwartet abgeschottet vom Lärm und Trubel der Stadt befindet sich hier eine grüne Oase, wie ich sie wirklich nicht erwartet habe. Hier wohnen und arbeiten 25 Frauen und auch ein paar Männer, die in Hostels oder Wohnungen (sogenannten Quarters) untergebracht sind und am Lauf der Gemeinschaft teilnehmen. Zu den Arbeiten, die auf die Bewohner des Ashrams aufgeteilt sind, gehört das Zubereiten der Mahlzeiten, Spinnen und Weben von Baumwolle zu Khadi, Nähen, Gartenarbeiten, Saubermachen und Kindergärtnern.

Im Ashram wird sich zu einem großen Teil selbstversorgt, was, wenn man den großen Garten sieht, in dem momentan jede Menge Kohl wächst, schon ziemlich erschütternd sein kann. Im Garten, der sich in einer Kuhle neben dem höher gelegenen Ashram befindet, fühle ich mich noch mehr wie irgendwo in den Bergen fernab von Autos, Menschenmassen und einer so großen Stadt wie Guwahati. 1946 wurde diese Zweigstelle hier gegründet und als Mahatma Gandhi selbst ein Jahr später hierher kam, wurde für ihn extra ein kleines Haus errichtet – das “Gandhi Ghar” (Ghar = Haus/Zuhause), in dem nun die drei täglichen Prayer stattfinden. Einige der älteren Frauen, die (mit uns zusammen…) im Old Age Home wohnen, erzählten uns sogar davon, dass sie ihn hier gesehen haben, als er damals zu Besuch kam. Für sie ist er nicht “Geschichte” wie für mich, sie haben ihn mit eigenen Augen gesehen, teilweise vielleicht sogar mit ihm geredet, seine Stimme gehört und ihn “erlebt”. Leider merke ich immer wieder, wie schnell eben dieser Gandhianische “Spirit” abhanden kommen kann und wie schwer es für mich ist, mich wirklich in diesen beeindruckenden Menschen hereinzuversetzen, seine Lehren nachzuvollziehen und ihn nicht nur als “Vergangenes” abzustempeln.

Die Centres

Wie einige der anderen Zweigstellen Kasturbagrams besitzt auch die “Assam Branch” sogenannte Centres, die sich in den umliegenden Regionen befinden und meist sehr klein sind. Das netzwerkartige System Kasturbagrams erlaubt es, Arbeiterinnen in den großen Branches in verschiedenen Bereichen auszubilden, sodass diese anschließend in den kleinen Centres diese Arbeit forttragen und anwenden können. So werden in Kasturbagrams Krankenhaus beispielsweise Mädchen zur Krankenschwester ausgebildet, bevor diese dann in andere Teile des Landes, in denen der Trust agiert, gesandt werden.

Centre 1 – Nibira (Bundesstaat Assam)

Einen Grossteil der zweiten Woche in Guwahati verbrachten wir letztlich ziemlich spontan in zwei dieser über 20 kleinen Centres, was mir noch mal einen ganz neuen Einblick in die Arbeit des Kasturbagrams gewährte. Mit dem Bus fuhren wir nach Nibira, ein kleines Örtchen etwa fünf Stunden mit dem (indischen) Bus entfernt, wo wir direkt total nett empfangen wurden. Nur drei Frauen leben und arbeiten dort, tragen aber unfassbar wertvoll zum Dorfgeschehen bei. Ich war zum Beispiel sehr beeindruckt als ich hörte, dass diese wenigen Frauen dort Selbsthilfegruppen für die Bewohnerinnen des Dorfes aufbauen, damit diese sich in Problemsituationen gegenseitig unterstützen können. Sie organisieren “Health Camps”, in denen ein Doktor aus Guwahati extra kommt, um die Dorfbewohner durchzuchecken und sie mit Medizin zu versorgen, was diese sich zumeist bei weitem nicht leisten können. Sie unterrichten in einem Abendschul-ähnlichem System für Kinder aus Nibira und Umgebung, die tagsüber mithelfen müssen und denen die Wichtigkeit einer guten Schulbildung verwehrt bleibt. Aber auch Frauen werden auf dem kleinen Gelände alphabetisiert, können Weben und Spinnen lernen und somit eine stützende Hilfe erfahren.

Mit zwei der Frauen und unser Begleiterin aus Guwahati Bhanu machten wir eine lange Wanderung, die uns durch die kleinen Dörfer, Hügel und über weite Reisfelder und sogar zu einem Teegarten führte. Einem Mann trafen wir, der aus Bambusstreifen Körbe und große flache Schalen herstellt, wie man sie hier oft zum Aussortieren der schlechten Reiskörner oder Linsen benutzt. Genau solche Hocker aus Bambusstangen, kleine Döschen, Schälchen und Stiftehalter wie man sie in Deutschland nur allzu oft sieht, werden hier vor unseren Augen hergestellt, lackiert und verkauft, was mal wieder zeigt, wie wenig Ahnung wir in Europa oft davon haben, wo unsere Produkte überhaupt herkommen.

Eine sehr tolle Begegnung hatten wir auch mit der Schwester einer dieser Mitarbeiterinnen des Centres – Sarala. Als wir sie während der Wanderung besuchten und natürlich einen Chai und Biskuit serviert bekamen, zeigte sie uns, wie sie auf ihrer Webmaschine lange rote und blaue Fäden zu einem Stoff webt. Ich hatte es vorher schon einmal mit weißem Khadi-Stoff gesehen, aber erst jetzt konnte ich es selbst ausprobieren und somit viel besser verstehen. Es ist eine beeindruckende koordinative Meisterleistung flüssig und schnell weben zu können, weil man mit beiden Füßen und Händen jeweils unterschiedliche Bewegungen ausübt. Ganz schön verwirrend zunächst… Von ihr bekamen wir bei ein “Assamese Towel”, ein weißes Tuch mit rotem Muster, die hier sehr weit verbreitet sind, was mir sehr viel bedeutet, weil ich nun weiß, wie viel Arbeit und Zeit darin steckt. Wie viele andere Frauen dieses Dorfes webt Sarala überwiegend für den Gebrauch in der Familie, sodass sie kein Geld für Stoff oder Kleidung ausgeben müssen, wozu man in diesen kleinen Dörfern sowieso kaum Zugang hat. So webt sich aus den Fäden, die sie kauft, Stoffe aus Wolle, Baumwolle, Seide, Khadi und Polyester – je nachdem, was gebraucht ist. Diese Erfahrung hat mir ziemlich deutlich vor Augen geführt, was für ein Wert Stoff doch hat und was – ursprünglich jedenfalls – für eine Arbeit darin steckt. Dass es in Deutschland kaum noch Näherinnen gibt und man Kleidung selten nur maßschneidern lässt, können hier wirklich viele Leute nicht nachvollziehen, aber auch die Ready-Made-Kleidung verbreitet sich hier rasant.

Centre 2 – Laitkroh (Bundesstaat Meghalaya)

Nach nur einem einzigen, aber unfassbar vollen und erfahrungsreichen Tag in Nibira fuhren wir in die große Stadt Shillong, die im, an Assam angrenzenden, Bundesstaat Meghalaya liegt, und von dort aus weiter hoch in die Berge nach Laitkroh. Auch dort befindet sich ein Centre, in dem drei Frauen leben und den Kern der Arbeit dort verrichten – Amelie, Protima und Anila. Alle drei sind sie total nett und haben uns mit einer unfassbaren Gastfreundschaft verwöhnt, sodass mir auch die drei Tage dort sehr gut gefallen haben. Hier besteht auch ein Grossteil der Ernaehrung aus dem im Garten angebauten Obst und Gemüse, sodass es zum Beispiel mehrmals täglich total leckere, kleine gebratene Kartöffelchen mit Reis, Linsensosse und dem “Saison-bedingten” Gemüse gab. Die Milch kommt von den drei Milchgebenden Kühen und ich merke immer wieder, was für einen hohen Stellenwert hier diese Unabhängigkeit von Supermarkt (dementsprechend weit entfernt in Shillong – 2 Stunden mit dem Bus…) besitzt.

In dieser kurzen, aber sehr intensiven Zeit dort, konnte ich selbst weben (was mit ein bisschen Übung doch gar nicht mehr so schwer ist), habe gesehen (und zumindest ein bisschen versucht), wie anhand einer alten Webtechnik kleine Taschen gewebt werden, erste Strick-Versuche gemacht und kann jetzt selbst Parrata (die leckerste Form der hier alltäglichen Teigfladen) machen, die sogar relativ rund werden. Außerdem war die Landschaft total weit und toll, wir waren so hoch in den Bergen, sodass es plötzlich wieder deutsche Temperaturen waren und ich froh war, nachts meinen Schlafsack, mein Betttuch, zwei Wolldecken und einen dicken Pullover zu haben.

Ansonsten habe ich mit den Kindern des Kindergartens dort gespielt, wir haben eine kleine Wanderung in die Umgebung gemacht, ich habe viel mit den Frauen geredet und eine Tourismus-Tour zu den hier ziemlich bekannten Cherrapunjee-Wasserfaellen gemacht – hierzu sag ich nur, dass es eben nun seit mehreren Monaten nicht mehr geregnet hat und Wasserfälle ohne Wasser dann doch nicht so reizvoll sind.

In Guwahati

Wir hatten hier das große Glück, uns einfach so mit unseren Freunden treffen und in der Stadt frei bewegen zu können, was ich mal wieder sehr genossen habe. So konnten wir zum Beispiel mit der Fähre auf die kleinste Flussinsel der Welt, die im Brahmaputra liegt, fahren, dem großen Fluss, der hier durch die Stadt verläuft. Außerdem lernten wir typisch assamesische Gerichte kennen und genossen zur Abwechslung mal den hohen Westlichkeitsgrad, der sich in bekannten Ladenketten, gemindertem Interesse an uns Weißen und Restaurant-Ketten wie Subway äußerte.

Insofern habe ich die zwei Wochen im Nord-Osten Indiens sehr genossen und morgen machen wir uns mit vielen Erfahrungen bereichert auf zur nächsten Station – nach Orissa, das an Indiens Ostküste liegt. Mal sehen, wie wir die 30 Stunden Zugfahrt überstehen werden – mein Rücken und ich sind schon sehr gespannt.

 

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