INDIA: Deutsch und Diwali

Hallo an alle fleißigen Leser,

Wieder einmal gibt es viel zu berichten – so viel, dass ich mich besser auf die zwei wichtigsten Erlebnisse beschränke: Deutsch und Diwali.

Im Kasturbagram gibt es drei Schulen: die Grundschule, die „Mittelschule“ und das College, die alle aneinander anknüpfen. Im College haben wir in den ersten beiden Monaten oft an der Yoga und der Cooking Class teilgenommen und im Nähzentrum die elektrischen Nähmaschinen zum Laufen gebracht, sodass die Mädchen sie mittlerweile benutzen können. In der Grundschule bekommen wir seit einem Monat täglich eine Stunde Hindiunterricht von einer Hindilehrerin, was mir sehr viel bringt und vor allem für den Alltag hier unfassbar hilfreich ist. Vor ein paar Wochen ergab sich uns nun die Möglichkeit, die letzte verbliebene Schule zu erkunden und zwar hautnah: Deutschunterricht in der Mittelschule.

Wir hatten nämlich die Idee, eine Arts Class (Kunstklasse) ins Leben zu rufen, die bis dahin nicht existierte und haben uns damit an die Schulleiterin gewendet. Die erste Unterrichtsstunde haben wir draußen mit einem kleinen Klatschspiel begonnen, um die Namen der Mädchen ein bisschen zu lernen und uns gegenseitig näher zu kommen. Dabei hatten wir allerdings nicht bedacht, dass die Schülerinnen hier total neugierig sind, sodass unsere Klasse letztlich aus mehr als 40 Mädchen bestand, die sich alle in den kleinen Klassenraum drängten. Zum Thema „मेरा घर और मेरा पिरवार [meraa ghr or meraa parivaar] – Mein Haus und meine Familie“ haben wir dann jede ein Bild malen lassen, was auch ganz gut funktioniert hat (bis auf die Tatsache, dass sämtliche Häusern extrem westlich und stereotypisch aussahen). Jedoch wurden wir am Ende der Stunde von ein paar Mutigen gefragt, ob wir ihnen nicht ein paar Worte auf Deutsch beibringen könnten, was alle auf Anhieb total toll fanden. Eigentlich dachten wir zuvor, sie würden wohl kaum Interesse an Deutsch haben – was soll es ihnen bringen – aber Cara und ich haben uns einfach entschieden, ihrem Wunsch zu folgen.

Zwei Wochen lang haben wir daraufhin jeden Tag 40 Minuten lang Deutsch unterrichtet und den Mädchen so einfach wie möglich Sätze und Wörter wie „Isch bin Malin – Wer bischt du?“ / „Was ischt das? – Das ist ein Fingggär“ und „dick und dunn“ beigebracht. Für uns war das eine große Herausforderung, da wir uns nur auf Hindi mit ihnen verständigen konnten, was nicht immer leicht war. Außerdem war es schwierig, dauerhaft die Konzentration der vielen giggeligen und leicht abgelenkten Mädchen aufrechtzuerhalten. Die kleinen Gruppenspiele, die wir am Anfang jeder Stunde mit ihnen gemacht haben, waren für sie ungewohnt, haben ihnen aber so sehr gefallen, dass ich bald gerne noch eine „Game Class“ ausprobieren möchte. Zublinzeln, Ninja, Namenklatschspiel, Menschlicher Knoten. Als wir nach zwei Wochen abgeschlossen haben, weil die Diwali-Ferien bevorstanden, war das Feedback, das wir bekommen haben, total gut, was uns natürlich sehr gefreut hat. Auch wenn die meisten unter ihnen das bisschen Deutsch wohl bald wieder vergessen werden, ist es doch ein schönes Gefühl, mal mit „Hallo“ und „Tschüss“ gegrüßt zu werden (anstatt „By, Didi!“) und auch der neue direkte Kontakt zu den Schülerinnen war für mich sehr wertvoll.

Die letzte Woche über haben wir unser Hostel, in dem für gewöhnlich 108 Mädchen wohnen, Türen zuknallen und dauerhaft in für uns ungewohnter Lautstärke Namen rufen, mal anders erleben dürfen. Es waren (wie hier ziemlich selten) Ferien, in denen das Lichterfest Diwali (oder auch Dipawali) stattfand. „Dipawali“ heißt übersetzt „Lichterkette“, was perfekt zutrifft, weil die gesamte große Stadt voll war mit Lichterketten: an Läden, Hotels, großen Firmen und sogar an Bauruinen, von denen wir nicht erwartet hätten, dass sich überhaupt noch jemand dafür interessiert. Am 13. November, dem eigentlichen Feiertag, fand das Spektakel dann seinen Höhepunkt, den auch wir miterleben durften. Die Familie unseres Tutors, Dr. Trivedi, hatte uns eingeladen, mit ihnen das Lichterfest zu feiern, sodass wir am späten Nachmittag dorthin gefahren sind. Schon bei den Vorbereitungen wurden wir voll mit eingebunden: wir haben Gemüse geschnitten, mitgeholfen, Mithai (ein zuckersüßes Gebäck) zu formen, was dann frittiert wurde, Rangulis (Blumenketten) aus Merigold-Blumen aufzufädeln, dabei Chai getrunken und uns mit den lieben Familienmitgliedern unterhalten.

Sogar am Prayer (Gebet) durften wir teilnehmen, bei dem sich jeder der Anwesenden der Reihe nach vor einem kleinen Altar aus Merigoldblumen, Obst und süßem Gebäck als „Opfergabe“, einem Haufen nagelneuer Geldscheine und einem Bild der Götting Lakshmi niedergekniet hat. Während ein mir sogar bekanntes Gebet gesungen wurde, habe ich mit den Fingerspitzen ein bisschen rote und dann gelbe Farbe genommen, sie auf dem (auf mich ziemlich kitschig wirkenden) Bild der Göttin Lakshmi auf die Stirn getupft, dann vergeblich versucht, noch ein Reiskörnchen draufzukleben und zuletzt Blüten vor die Statue und auf die Geldscheine gelegt. Nachdem jeder diesen Ritus verfolgt hatte, wurde von allen noch eine Schale mit Öl und brennendem Docht in einer bestimmten Weise geschwenkt – im Uhrzeigersinn, bloß nicht andersherum – und wir konnte uns endlich an den gedeckten Tisch setzen; darauf hatte ich mich schon am meisten gefreut. Bei den Trivedis gibt es nämlich das beste indische Essen, das ich bislang gegessen habe; dazu noch die unfassbar liebe, interessierte und offenherzige Familie und es war ein ganz toller Abend.

An Diwali wird die Göttin Lakshmi eingeladen, in die Häuser zu kommen, um für das kommende Jahr Reichtum und Wohlstand zu gewähren – deshalb sind kleine Fußabdruck-Aufkleber und aus Pulverfarbe gestreute Mandalas vor jedem Haus und jeder Wohnung zu finden, die alle neu angestrichen und gesäubert wurden. Nach dem leckeren Essen haben wir draußen auch noch ein paar Böller angezündet und das große Feuerwerk um uns herum genossen – Diwali scheint also tatsächlich Silvester, Weihnachten und Frühjahrsputz in einem zu sein…

So, jetzt sind die Ferien fast rum und es geht wieder an die Arbeit und neue Projekte. Ich wünsche (auch wenn das für mich wie Schnee im Sommer klingt) allen einen schönen Adventsbeginn in ein zwei Wochen!

Liebe Grüße,
Malin

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