INDIA: Halbzeit – Singklasse und Reisevorbereitung

Hallo zusammen,

Seit 6 Monaten bin ich jetzt schon in Indien. Das bedeutet Halbzeit für meinen Freiwilligendienst und fühlt sich ehrlich gesagt ziemlich komisch an. Bin ich tatsächlich schon ein halbes Jahr lang aus Deutschland, von meiner Familie, meinen Freunden, meinem „alten Leben“ weg? Schon ein halbes Jahr in Indien, diesem so erfrischend anderen Land mit einer so umfangreichen Kultur, in der ich mich doch schon immer besser zurechtfinde. Ich kann es eigentlich kaum glauben, kaum verstehen, und genieße dennoch die Zeit hier, mache weiterhin jeden Tag neue Erfahrungen, finde Neues heraus und fühle mich ständig in einem kleinschrittigen, aber großen Lern- und Erkundungsprozess.

Der Wunsch nach einem neuen Projekt

Nachdem wir Mitte Januar vom Zwischenseminar aus Ahmedabad zurückgekehrt waren, haben Cara und ich beide erst einmal eine Weile gebraucht, um uns wieder einzuleben und das Seminar und den davorigen Urlaub in Goa zu verarbeiten. Ich wurde zudem noch krank, sodass noch einmal fast eine Woche verstrich, ich aber merkte, dass ich den Wunsch hatte, in den verbleibenden drei Wochen vor unserer Reise noch ein Projekt zu beginnen. Wenn man weiß, dass man sowieso nur noch ein paar Wochen irgendwo ist, ist es schwierig, sich komplett darauf einzulassen, weil man weiß, dass man nichts „Großes“ oder Weiterführendes mehr anfangen kann. Nach dem Seminar hatte ich viele Ideen und neue Motivation, merkte aber auch bald, dass es nicht alles immer so einfach ist, wie es zunächst erscheint. Einiges davon habe ich jetzt noch einmal besser reflektiert und mir für die verbleibende Zeit nach der Reise aufgehoben.

Zum Beispiel hatten wir während dem Seminar die Idee, ein „Aufklärungsbuch“ für die Mädchen hier im Hostel zu beginnen, in dem wir ihnen die Möglichkeit geben, Fragen aufzuschreiben, die wir dann beantworten. Ihnen fehlt – soweit wir bislang auf Gesprächen herausgefunden haben – (aus unserer Sicht) elementares Wissen über Sexualität, da sie weder in den Familien noch in ihrer gesamten Schullaufbahn aufgeklärt werden. Als wir jedoch mit einem der Mädchen, mit der wir uns sehr gut verstehen, darüber sprachen, sagte sie uns, dass das Interesse daran auf jeden Fall bestünde, sie sich jedoch aufgrund Uneinverständnis ihrer Familien nicht damit beschäftigen dürften. Wir merkten, dass es schnell zu Konsequenzen führen könnte, die nicht in unserem Vorstellungsbereich liegen und fragten so lieber Dr. Trivedi um Rat, wie wir dieses heikle Thema angehen könnten. Dadurch entstand zum Beispiel die Idee, Selbstverteidigungskurse für die Mädchen anzubieten, was wir nach unserer Rückkehr weiterdenken wollen.

Taizé @ Kasturbagram

Als ich dann eines Tages im Nachmittagsprayer in der Prayer Hall saß, hatte ich die Idee, dass ich eine „Taizé Singing Class“ machen könnte und fragte gleich den Guruji, der im Gemeinschaftsprayer immer das Harmonium spielt und selbst eine Singing Class leitet, um Rat. Er überließ mir ohne Zögern seine Singing Practice, die laut ihm täglich von 16:00 bis 17:00 mit 10 – 15 Mädchen stattfände.

Taizé ist eine religiöse Gemeinschaft im Burgund in Frankreich, in der über 100 Brüder wohnen und Leute aus der ganzen Welt einladen, mit ihnen zu singen, zu beten und über Gott zu reden. Die Brüder an sich sind christlich, jedoch anderen Religionen gegenüber tolerant eingestellt, sodass ich wegen der Ähnlichkeit zu Mahatma Gandhis religiösen Überzeugungen kein schlechtes Gefühl dabei hatte, christliche Prayer zu singen. Da ich schon mehrmals eine wunderbare Zeit dort verbrachte und die internationalen Gebete unheimlich liebe, hatte ich den Wunsch, dies mit ein paar Mädchen hier zu teilen.

Am ersten Tag der Singing Practice, die ich von Anfang an auf zwei Wochen begrenzt hatte, bereitete ich mehrere Prayer aus dem Taizé-Liederheft vor, das ich dabei habe und war schon ganz gespannt, wie es klappen würde. Letztlich kamen jedoch nur vier Mädchen und zwar über eine halbe Stunde später als erwartet, was mich schon ein bisschen wunderte und enttäuschte. Ich begann mit einem Prayer, das auf Hindi ist, sodass sie keine Probleme mit dem Text hatten und sang Tag für Tag dann mit ihnen weitere auf Englisch und anderen Sprachen. Jedes Mal schrieb ich den Original-Text des Prayers auf, transkribierte es ihnen in die Devanagari-Schrift und übersetzte es auf Hindi, was am schwersten war. Fehler wurden mir jedoch wie immer gütig verziehen und verbessert, sodass ich auch sprachlich einiges dabei lernen konnte. Das Singen klappte gut, die Mädchen waren sehr nett und auch dass die Class eben nur eine halbe Stunde lang dauert war für mich nach der anfänglichen Überraschung kein Problem mehr. Die kleine Gruppe, die konstant aus nicht mehr als fünf Mädchen bestand, ermöglichte, dass wir uns schnell gut kennen lernten und auch leicht miteinander üben und kommunizieren konnten.

Das Schönste war für mich immer, wenn ein Lied nach ein paar Mal Durchsingen schon total gut klang und die Mädchen sich auch nach Tagen nach daran erinnern konnten. Die letzten Minuten der Class, als die ganzen anderen Schülerinnen zum Gemeinschaftsprayer um 5 dazukamen, fand ich auch besonders schön. Viele haben sich dann einfach dazu gesetzt und sind in die Prayer mit eingestiegen, sodass plötzlich ein ganz voller, schöner Klang erhallte. Dadurch, dass die Mädchen aber bis 4 Uhr Schule haben, ist es für sie schwierig, direkt im Anschluss dann noch zu einer Singing Practice zu gehen, weil es wohl so gut wie die einzige freie Zeit des Tages ist.

Als vor 3 Jahren Elena und Fenna hier als Freiwillige waren, haben sie offenbar auch mit einigen Mädchen gesungen, woran diese sich tatsächlich noch erinnerten. Ich war erst einmal total baff, als mir „Auf einem Baum ein Kuckuck saß“ sogar mit mehreren Strophen vorgesungen wurde und andere Mädchen fragten, ob wir das auch singen könnten. So wurde  aus den Prayern letztlich auch noch ein „Auf einem Baum ein Kuckuck saß“ (das Simsalabimbambasaladusaladim kommt unfassbar gut an und ist ein echter Ohrwurm!) und am Ende habe ich auch ihnen das Freundschaftsbändchenknüpfen beigebracht, was hier alle – egal, ob groß oder klein – total begeistert. Außerdem haben wir am letzten Tag einen Teil der Lieder aufgenommen, um es irgendwie festzuhalten und „abzuspeichern“, was den Mädchen sehr wichtig war und ihnen glaube ich auch eine Form von Anerkennung und Respekt entgegengebracht hat. Gemeinsam haben wir schon ausgemacht, dass wir – nachdem ich von der großen Reise zurückkommen werde – mal bei einem „Cultural Programm“ singen wollen, wenn zum Beispiel Gäste kommen oder sich die Stiftungs-Vorsitzenden hier versammeln.

So war diese Singing Practice mal wieder eine ganz neue Erfahrung, die auf ihre Art einzigartig und interessant war und von der ich viel mitnehmen konnte. Einerseits habe ich so wieder eine weitere Tür zu einigen Mädchen öffnen können und verbrachte mit ihnen eine schöne Zeit. Und andererseits habe auch ich selbst das tägliche Singen und die regelmäßige Teilnahme am nachfolgenden Prayer sehr genießen können. Was sich davor nach Kuhglocken-Dauergeläut und quietschigen Stimmen angehört hat, sind nun Melodien, Lieder und Bedeutungen geworden und mittlerweile kann ich sogar schon einige der Prayer mitsingen – wenigstens ein Stück weit.

Zu Besuch in den Zweigstellen Kasturbagrams

Jetzt haben Cara und ich erst einmal eine große Reise vor uns: am Samstag werden wir aufbrechen, um einige der 22 Zweigstellen Kasturbagrams zu besuchen, die über ganz Indien verteilt sind. Hier in Indore befindet sich nämlich die Hauptstelle dieser großen Organisation, die alles zusammenführt. Genau wie unsere Vorgängerinnen werden wir so die Arbeit des Kasturba Gandhi National Memorial Trusts in den verschiedenen Stellen kennen lernen und hoffentlich auch einiges von Indien sehen. Unsere erste Station ist Allahabad, wo wir zum Beispiel auch beim Kumbh Mela, dem bedeutendsten Hindu-Pilger-Fest und dem größten Fest der Menschheit vorbeischauen werden. Ich bin schon sehr gespannt auf diese lange Reise, die neuen Bilder von Indien und natürlich auf die Arbeit der verschiedenen Zweigstellen, die teilweise ganz unterschiedlichen Tätigkeiten nachgehen – je nachdem, was in ihrem Umfeld von Bedarf ist.

Letztlich wird es auch eine Reise auf den Spuren Gandhis sein, weil wir zum Beispiel in Pune den Aga Khan Palace sehen werden, wo Kasturba Gandhi (Gandhis Ehefrau, nach der das Kasturbagram benannt ist) und Gandhis Sekretär im Gefängnis ihr Leben gelassen haben. Darauf freue ich mich ganz besonders, weil es bestimmt ein ganz besonderes Erlebnis sein wird, die Orte, an denen Mahatma Gandhi lange Zeit gelebt hat, zu besuchen.

 

So schließe ich mit vielen lieben Grüßen ins oft erinnerte Deutschland und bin mal gespannt, von wo mein nächster Newsletter aus kommen wird…

Malin

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